Roger23 Interview

Roger 23 stammt aus Saarbrücken und legt seit Ende der Achtziger Jahre elektronische Tanzmusik auf.  Neben seiner Tätigkeit als DJ, produzierte Roger 23 unter anderem fürs Labels wie Playhouse, !K7, Baud oder meakusma, arbeitete gemeinsam mit der Donlon Dance Company (Ballet des Staatstheaters Saarbrücken) und betrieb die Saarbrückener Filiale des legendären Berliner Szene Plattenladen Hard Wax mit.
Im Rahmen der Release Veranstaltung in den Eupener Katakomben am 24. September führte meakusma ein Interview mit dem 39jährigen.

- Am 24. September bestreitest Du das Warm Up Set, welches ja desöfteren von DJ’s sowie dem Publikum als uninteressanteste Stelle im Zeitplan gesehen wird. Kannst Du unseren Lesern bitte erklären warum ein Warm Up Set in Deinen Augen für den Ablauf des Abends wichtig ist und was viele Leute da falsch machen?

Entschuldigt bitte wenn ich gleich so direkt bin, aber das Wort Warm-Up finde ich unpassend und es hat was latent Abwertendes. Nur wenige Menschen wissen, wie viel Arbeit es bedeutet Leute zum Tanzen zu bekommen.
Meines Erachtens ist das der wichtigste Teil des Abends. Stimmung und Atmosphäre zu zaubern ist nicht einfach. Und ohne eine gute Vorbereitung der Party-Meute, kein guter Abend.
In der Regel mache ich ganz gerne den Anfang, denn da kann man musikalisch gesehen auch Bandbreite zeigen. Außerdem bestimmt man die Richtung des Abends. Leider ist es bei vielen Kollegen so, dass Ihr Ego mit ihnen durch geht und auf Teufel komm heraus auf volle Tanzfläche gespielt wird, anstatt das ankommende Publikum willkommen zu heißen. Zu laut und zu schnell. Oft wird da an der Uhrzeit und den schon anwesenden Menschen vorbei gespielt.
Es ist mir wichtiger, zuerst den Raum mit Musik zu füllen und eine entspannte, fast wohnzimmerartige Atmosphäre, zu schaffen, als 5 von 15 Gästen auf der Tanzfläche zu sehen. Ich denke man kann dies mit zu Hause vergleichen, da ist es doch ähnlich. Man drückt doch auch keinem Gast ein Stück Kuchen in die Hand, wenn er noch den Mantel an hat und noch in der Tür steht… Natürlich passt sich die Lautstärke der Anzahl der Gäste an, genauso wie die Geschwindigkeit der ausgesuchten Musik. Der Sound steht objektiv gesehen im Hintergrund, bildet aber dennoch eine wichtige Komponente.
Mir erscheint es notwendig eine Form von leichter “Nervosität” bei den Clubbesuchern zu erzeugen, sozusagen ein Warten auf wann es nun “endlich” los geht… Schön ist es zu beobachten, wenn die ersten Gäste an der Bar mit der Hüfte mit kreisen, oder mit den Füssen zum Takt wippen. Ist dies der Fall verläuft alles planmäßig, sprich der DJ kreiert einen Spannungsbogen. Je mehr man diesen Moment schürt, desto ausgelassener wird der Abend in der Folge. Wenn der Zeitpunkt zum Tanzen gekommen ist, dann weiß das ein guter DJ. Der Kollege der dann das Ruder übernimmt hat ein leichtes Spiel mit einer gut aufgewärmten Meute, sozusagen einen Freibrief.

- Zuerst einmal entschuldige bitte unsere Wortwahl. Warm Up hat sich dermassen in den Sprachgebrauch der Clubkultur eingeschlichen, so dass wir das einfach übernommen haben, fernab jeglicher Wertung.
Du sprichst von der Erzeugung einer gewissen Nervosität im Club “Warten wann es nun “endlich” los geht”. Anhand von Kommentaren einiger unserer Besucher fiel uns in den letzten Jahren immer mehr auf dass viele es gerade eben schwer haben mit dieser Nervosität umzugehen und somit kein offenes Ohr mehr für den Rest hatten oder im schlimmsten Fall die Party wieder verliessen bevor es eigentlich los ging. Wir erklärten uns diesen Umstand unter anderem anhand vom heutigen Umgang mit Musik. Man saugt ein Album gratis aus dem Internet, pickt sich seine “Hits” raus, hört sich diese einige Male an und wirft sie in den virtuellen Papierkorb. Wenige haben noch die Geduld in ein Album einzutauchen, sich damit zu beschäftigen, es mehrere Male zu hören und somit die Musik reifen zu lassen. Man sucht den schnellen, direkten Kick ohne grossartige Auseinandersetzug, ganz im Sinne der Wegwerfgesellschaft. Wie siehst Du das?

Nun, Ihr könnt ja auch nichts für das Wort. Finde schade, dass es nach wie vor benutzt wird, denn wenn eher unerfahrene Club-Kids dieses Wort hören, denke ich werden sie nicht vor 1:00 Uhr auf der Party auflaufen und die Party auch nicht als Einheit sehen.
In Bezug auf den heutigen Zeitkontext, empfinde ich es notwendig als Kulturschaffender gegen das heutige “Konsumverhalten” von Musik und Kultur zu steuern, denn die meisten Leitbilder leben dies leider im negativen Sinne vor, was mich traurig stimmt.
Musik als Gebrauchs- und Konsumgut, beziehungsweise als Werbemaschine für Firmen die in Videos geschickt ein Lifestyleprodukte platzieren und einen Umstand vorgaukeln den es so aber nicht gibt.
Hab da gerade so ein Video von D. Guetta im Kopf, wo man offensichtlich ein Smartphone, welches nicht aus dem Hause Apple stammt, im Clip zur Schau stellt. Im weiteren Verlauf des Videos wird es unkenntlich gemacht, dennoch war man so dreist und man hat es in den ersten Präsentationen drin gelassen…
Was hat das bitte noch mit Musik zu tun?
Es geht oft eher um den Besitz und leider nicht mehr um die Auseinandersetzung. Das HABEN Gefühl scheint wichtiger zu sein, damit man vor seinen Freunden akzeptiert wird.
ABER es gibt Hoffnung. Mir begegnet seit geraumer Zeit eine neue und spannende Generation, die Medien zu ihrem persönlichen Vorteil zu nutzen weiß, um sich ein Urteil zu bilden…
Nenne sie die Generation 20 und sie sind somit parallel mit dem Internetzeitalter aufgewachsen. Ihr Verhalten gegenüber Kunst, Kultur und Musik ist eindeutig anders, so wie bei der Generation 3o. Natürlich kann man hierbei auch nicht alle gleich setzen, dennoch treten diese “Youngsters” stark vermehrt auf bzw. sie kreuzen meinen Weg…
Aber zurück zum eigentlichen Thema, wie schon erwähnt, denke ich dass ein DJ genau weiß was er tun muss, dass die Leute nicht gleich wieder ans nach Hause gehen denken. Wenn man das Personal auf seiner Seite hat dann läuft das Hand in Hand.
Denke es geht oft um Glaubwürdigkeit. Bei einer guten Party stimmt einfach alles. Die Tür, das Thekenpersonal und die Gast-DJs.
Als Veranstalter, sowie als Mann hinter den Plattentellern ist es wichtig ein Statement abzugeben und zu sagen: KEINE KOMPROMISSE. Es geht mir bei der Aussage nicht um das Ego sondern eher darum, dass man weiß warum man gerade auf diese Party gehen möchte.
Ein jeder sollte willkommen sein, der sich darauf einlassen will egal ob 20 oder 60.

Ein Club funktioniert mit allen zusammen, sprich es ist ein dynamischer Zustand, wo jeder seinen Platz haben kann. Mit Individualismus gern, aber ohne Ego.
Respekt dem Anderen gegenüber ist leider Mangelware. Plattenwünsche sind meist eher unkreativ und ein absolutes NO GO.
Aber es gibt auch Ausnahmen…
Von daher, in den eigenen 4 Wänden kannst du tun und lassen was du möchtest. Sei Dein eigener DJ, mach Deinen MP3 Player mit den kostenlos herunter geladenen Files an und freu Dich drüber, dass das noch geht, aber vermeide einfach Kritik wo sie nicht berechtigt ist.
Auch wenn Du ein Entgelt an der Kasse auf den Tisch gelegt hast, ist diese Kritik nicht ganz berechtigt, zumal es eine fachliche Kompetenz voraussetzt. Und jemand der die hat würde einen anderen Weg wählen um sich zu äußern.
Kulturschaffende sollten keine Dienstleistungsunternehmen sein, bzw. ein McDonalds wo man überall auf der Welt gleich bedient wird und das gleich schmeckende Essen bekommt. Ein wirkliches Gräul für mich.
Bei Veranstaltungen wo man versucht subkulturelle Dinge an ein Publikum näher zu bringen und keine gängigen Künstler einlädt, ist das die falsche Haltung…
Es geht doch um Konzepte die man vorstellt. Klar kann das nicht jedem Besucher gefallen… Aber man sollte doch dem ganzen wenigstens ne Chance geben… Und wenn es nicht zusagt, geht man wieder…

- Wie Du sicherlich mitbekommen hast, ist es uns ausschliesslich an diesem Datum gestattet eine Veranstaltung bis in die frühen Morgenstunden zu organisieren. Bei unserem letzten Abend in den Katakomben im Jahre 2008 wurde Surgeon’s Set mittendrin von der Polizei unterbrochen, obwohl es laut Aussage der Polizei keine Beschwerde seitens der Anwohner gegeben hatte. Das hat nicht nur den Künstler und die Gäste verärgert, sondern ist vor allem bei den von weit her angereisten Besuchern auf großes Unverständnis und Befremden gestoßen. Durch diese Regelung ist es allerdings äußerst schwer, Gäste von außerhalb der DG anzulocken, was wiederum dazu führt, dass man als Veranstalter nur unter großem Risiko ein hochwertiges Programm mit internationalen Künstlern aufstellen kann.
Für uns ist es einfach unverständlich inwieweit der Bürger immer mehr in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt wird, obschon Wörter wie “Selbstbestimmung” in aller Munde sind. Wie siehst Du das?

Mehr wie Kopfschütteln kann ich bei dem Inhalt dieser Frage fast nicht. Für diese Regelung hab ich keinerlei Verständnis. Falls keine Anwohner belästigt werden, sollte es doch kein Problem sein, eine Party weiter laufen zu lassen.. Wo liegt den hier bitte schön die Begründung?
In meiner Stadt wurde das vor ein paar Jahren auch abgeschafft. Und es hat sich alles vernünftig eingependelt. Also, warum dann diese Sperrstunde?
Die Frage ist, ob die Politiker wirklich etwas Gutes für die Region tun möchten, oder ob sie eher an einem “Aussterben” einer Generation interessiert sind, die immer weniger Platz haben um sich frei entfalten zu können. Mit einem Betonskatebahn ist es für mich damit aber nicht getan.
Solche Regelungen machen eine Region alles andere als attraktiv was dazu führt, dass eine ganze Generation genötigt wird dort hin zu ziehen, wo noch genügend Freiraum für sie herrscht. Gut für die Grossstädte, schlecht für die ländlichen oder Randgebiete.
In ähnlicher Weise gab es dieses Problemmodel gab ja bereits in Luxemburg wo man z.B. jahrelang keine Universität hatte. Da war eine ganze Generation nicht mehr da. Man erkannte dies aber wohl vor einigen Jahren und richtete eine FH ein…
Denke es wird sich letztendlich irgendwann rächen wenn ganze Generationen nicht mehr in diesen Orten wohnen. Dann mutieren Städtchen wie Eupen zu Ghost Towns und das Leben spielt sich in den Ballungszentren ab.
Es ist doch schön wenn man sich mit seiner Region identifizieren kann und dort auch kulturell beflügelt wird bzw. wenn etwas gutes und kreatives aus dieser Umgebung herkommt… Davon profitieren doch alle von… Land, Künstler und Menschen die dort leben….
Die Eifel um die Grossregion Eupen ist wirklich schön… Aber das “schön” sein reicht nicht um Arbeitsplätze zu schaffen und eventuell auch Individuen eine Zukunft zu gewährleisten.

- Welche Erinnerungen hast du an Belgien, Ostbelgien und den Katakomben im Speziellen?

An Belgien hab ich in der Regel meist nur gute Erinnerungen, mal abgesehen von
einigen Festivals wo ich gespielt habe. Würde schon behaupten, dass Ostbelgien viel zu meinem jetzigen Standing beigetragen hat. Die Parties in Eupen, waren einfach ihrer Zeit voraus und ich hab mich dort einfach zu Hause gefühlt, was zu dem Zeitpunktin meiner Hometown Saarbrücken nicht möglich war, weder musikalisch noch vom Kopf her.
Mich hat an Belgien immer fasziniert, dass die Leute dort generell ein anderes Musikverständnis haben und sich für Experimente nicht zu schade sind, ganz im Gegenteil, sie mochten gerade dies sehr. Meiner Meinung nach ist es in Belgien echt egal, ob man nun in Eupen, Hasselt, Antwerpen oder Brüssel ausgeht. Die Musikszene scheint mir ganz gut vernetzt, weshalb der Raum eine eher untergeordnete Rolle spielt, da man bereit ist eine Strecke für eine viel verspechende Party in Kauf zu nehmen.
Aber mal abgesehen davon, ich mag Belgien eh! Stell mir ein Kriek hin und etwas Schokolade und ich bin happy.. :-) Mehr brauch ich in der Regel nicht. Naja, vielleicht noch einen 2nd Hand Schallplattenladen. Spass beiseite, denke die Belgier sind oft sehr erdig und das gefällt mir!
Auch wenn jetzt viele stöhnen mögen, trotzdem hat man was das angeht den Deutschen oft etwas voraus, zumindest den Umgang mit Musik und wie man sein Leben lebt. In Belgien haben Künstler meines Erachtens noch etwas mehr Platz als dass in Deutschland der Fall ist. Da ist viel auf Berlin konzentriert.
Gut, ich lebe nicht in Belgien und hab nur Eindrücke von meine Reisen, aber die sind
alle positiv, selbst bei meinen diversen Aufenthalten im so verschrienen Molenbeek… I Like!
Denke dabei ist es wichtig wie man sich verhält und ob man Offenheit signalisiert oder eben nicht. Dementsprechend bekommt man das auch von den Menschen die man trifft auch zurück.

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